Als leidenschaftliche Dokumentarfilm-Liebhaberin suche ich stets nach außergewöhnlichen internationalen Filmen, die verborgene Realitäten aus aller Welt offenbaren. Jedes Jahr führt mich diese Suche zum Thessaloniki Documentary Film Festival, einem renommierten Festival, bei dem Filmemacher*innen aus der ganzen Welt Geschichten erzählen, die herausfordern, inspirieren und zum Nachdenken anregen. Doch im März ist Thessaloniki für mich mehr als nur ein Ort des Films – es ist auch ein Ort des Gedenkens.
Neben dem Festival schließe ich mich einer Berliner Delegation an, die nicht nur für die Kunst des Erzählens kommt, sondern auch, um die verlorenen Stimmen dieser Stadt zu ehren. Wir sind hier für den “March of the Living”, einen stillen Gang durch die Straßen Thessalonikis – auf den Spuren einer einst blühenden jüdischen Gemeinde, die fast vollständig ausgelöscht wurde.
Der Beginn einer unaufhaltsamen Tragödie
Vor 82 Jahren, im März 1943, verließ der erste Zug den Bahnhof von Thessaloniki. An Bord: 2.800 jüdische Männer, Frauen und Kinder, deportiert nach Auschwitz-Birkenau. Es war der Beginn einer unaufhaltsamen Tragödie. Bis August 1943 waren 43.850 Juden aus Thessaloniki in 19 Transportzügen verschleppt worden. Die große Mehrheit – mehr als 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Stadt – kehrte nie zurück.
Der Bürgermeister steht vor der Menschenmenge, seine Worte durchbrechen die bedrückende Stille:
Ich stehe an genau diesem Ort und versuche, die Dimension des Geschehenen zu begreifen. Doch wie kann man solch einen Verlust wirklich erfassen? Die Stille hier ist schwer, nicht leer. Sie trägt Erinnerungen in sich, das Echo einer verlorenen Welt.
David Saltiel, Präsident der Jüdischen Gemeinde Thessalonikis, findet Worte, die nachhallen:
“Über 43.850 Seelen sind verloren, doch heute versammeln wir uns hier, um sie zu ehren. Um sie zu erinnern. Um sicherzustellen, dass eine solche Dunkelheit nie wiederkehrt. Wir marschieren nicht nur als Tribut an die Vergangenheit, sondern als Mahnung, dass Erinnerung lebendig bleiben muss. Dass die Last der Geschichte getragen werden muss – nicht vergraben.”
Eine Stadt, die erinnert
Thessaloniki ist heute nicht mehr die Stadt, die sie vor 1943 war. Das Holocaust-Museum, die längst überfällige Restaurierung des Freiheitsplatzes und zahlreiche Initiativen zur Bewahrung der jüdischen Geschichte zeigen, dass das Erinnern endlich einen Platz gefunden hat – wenn auch sehr spät.
Doch Erinnerung allein reicht nicht aus. Antisemitismus und Intoleranz finden immer wieder Wege in unsere Gesellschaften. Als Dokumentarfilmer*innen, Geschichtenerzähler*innen und auch Zuschauer*innen haben wir eine Verantwortung – nicht nur, Geschichte zu bezeugen, sondern sie in unserer Arbeit, in unseren Worten und in den Bildern, die wir erschaffen, am Leben zu halten.